Besonderheiten der Vorsorge in Hessen

Seit dem Jahr 2008 ist in Hessen die Teilnahme an den Früh­erkennungsuntersuchungen (U-Untersuchungen U1–U9) für Kinder von der Geburt bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres verpflichtend. Ziele waren dabei u. a., den Gesundheits- und Entwicklungszustand der Kinder festzustellen bzw. möglicherweise vorliegende Erkrankungen früh zu erkennen, um Therapie- und Fördermaßnahmen frühzeitig einleiten zu können und den Impfstatus, insbesondere im Hinblick auf den Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen, zu optimieren. Im Rahmen der Kindervorsorgeuntersuchungen wird auch auf möglicherweise vorliegende Zeichen einer Kindeswohlgefährdung im Sinne von Vernachlässigung oder Misshandlung geachtet.1

Das Hessische Gesetz zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes bei Kindern wurde am 14.12.2007 einstimmig vom Landtag verabschiedet und 2012 überarbeitet und bestätigt.

Durch den Gesetzesbeschluss sind die Vorsorgeuntersuchungen für Kinder bis zum vollendeten 6. Lebensjahr verbindlich vorgeschrieben und werden somit von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen U4 bis U9 wird überprüft.

Im Jahr 2014 waren 375.500 Kinder zu den Untersuchungen eingeladen worden. Dabei musste nur in etwa 5 % der Fälle das örtliche Jugendamt informiert werden, weil Eltern der Pflicht zunächst nicht nachkamen. Einschließlich Nachmeldungen werden mehr als 98 % der Kinder untersucht, schätzt das Kinderversorgungszentrum der Universität Frankfurt.2

Hessisches Kindervorsorgezentrum (HKVZ)

Das Hessische Kinderschutzgesetz regelt zudem die Etablierung des Hessischen Kindervorsorgezentrums, einer Institution, die die hessischen Präventionsprojekte im Kindes- und Jugendalter koordiniert und umsetzt. Das Hessische Kindervorsorgezentrum (HKVZ) ist eine Einrichtung des Universitätsklinikums Frankfurt, das der Aufsicht des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HMSI) untersteht. Es wurde am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt angesiedelt

Zuständigkeiten des Hessischen Kindervorsorgezentrums

Das HKVZ ist für vier Bereiche verantwortlich:

  • Kindervorsorgeuntersuchungen
  • Kindersprachscreening KiSS
  • Neugeborenen-Stoffwechselscreening
  • Neugeborenen-Hörscreening

Kindervorsorgeuntersuchungen (KVU)

Der Bereich KVU lädt die Personensorgeberechtigten der in Hessen gemeldeten Kinder zur Teilnahme an den Kindervorsorgeuntersuchungen U4 bis U9 ein. Wenn diese in dem vorgeschriebenen Zeitraum nicht durchgeführt wird, werden die Sorgeberechtigten daran erinnert, die entsprechende Untersuchung innerhalb der Nachtoleranzfrist nachzuholen. Konnte nach Ablauf dieser Frist die Durchführung der U-Untersuchung nicht nachgewiesen werden, ist der Bereich KVU dazu verpflichtet, das jeweils zuständige Jugendamt zu informieren. Jährlich werden über 350.000 Einladungsschreiben und über 80.000 Erinnerungsschreiben versendet. Die Teilnahme an den einzelnen Vorsorgeuntersuchungen liegt inzwischen bei über 95 %. Auch die Durchimpfungsraten der empfohlenen Impfungen zeigt einen positiven Trend [siehe auch: Hessisches Ärzteblatt (2012) 7: 442-446].

Kindersprachscreening (KiSS)

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) erteilte 2008 den Projektauftrag für eine „Einführung des Kindersprachscreenings (KiSS) zur flächendeckenden Sprachstandserfassung in Hessen“. Dies schließt die Organisation, Durchführung und Nachbereitung von Schulungen und Zertifizierungen von Sprachexperten, einschließlich Planung und Durchführung der zweitägigen Jahrespflichtschulung, die Redaktion und Bereitstellung des Schulungsmaterials, die Entwicklung und den Aufbau von Kommunikationswegen in der Zusammenarbeit mit den beteiligten Gesundheitsämtern und den Kindertagesstätten mit ein. Die beteiligten Kindertagesstätten wiesen ein besonderes Interesse an der Sprachentwicklung und Sprachförderung auf. Die eigentliche Sprachtestung erfolgt mit dem KiSS-Sprachscreening-Tool in der Kinder­tagesstätte und wird mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten im Alter von 4 bis 41/2 Jahren von der betreuenden Erzieherin bzw. dem Erzieher durchgeführt. Die Ergebnisse werden von den zuständigen Sprach­experten, z. B. Logopäden oder Sprachheiltherapeuten, die an den jeweiligen lokalen Gesundheitsämtern tätig sind und die beteiligten Kindertagesstätten betreuen, geprüft und ggf. überprüft, bevor eine entsprechende Befundmitteilung an die Eltern gesendet wird. Je nach Befund werden spezielle Fördermaßnahmen bzw. eine kinderärztliche Vorstellung empfohlen. Ziel ist es, die Sprachkompetenzen in der verbleibenden Zeit bis zur Einschulung zu verbessern und zu fördern. Bisher beteiligten sich fast 1.000 hessische Kindertagesstätten und es wurden über 2.000 Erzieher/-innen und über 170 Sprach­experten/-innen geschult und zertifiziert. Insgesamt wurden bisher über 30.000 Kinder gescreent.

Leistungsbilanz HKVZ-Neugeborenen-Stoffwechselscreening

Jahr 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
Erstkarten 53.020 49.549 51.965 51.034 53.573 53.141 52.569 52.577 53.181
Davon auffällig (in %) 452 (0,85%) k.A. 526 (1,01%) 687 (1,35 %) 720 (1,39%) 715 (1,34%) 708 (1,34%) 709 (1,35%) 700 (1,35%)
Gesicherte Hormonstörung 18 15 15 15 15 16 11 24 18
Gesicherte Stoffwechselstörung 32 34 27 27 23 17 21 28 22
Summe 50 49 42 42 38 33 32 52 40

Anmerkung: Die unterschiedlichen Anteile auffälliger Erstkarten in den Zeiträumen 2005–2007 vs. 2008–2013 ist bedingt durch medizinisch notwendige Änderungen der Grenzwerte. k. A. = keine valide Angabe verfügbar.

Neugeborenen-Stoffwechselscreening

Ziel des Screeningprogramms ist es, Neugeborene mit schweren, aber behandelbaren Erkrankungen des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts mittels eines Bluttests vor dem Auftreten von Krankheitszeichen zu erkennen und einer effektiven Therapie zuzuführen. Neben der klinisch-chemischen Messqualität und dem Spektrum der erkennbaren Krankheiten sind die frühzeitige Durchführung des Screenings und eine konsequente Nachverfolgung (Tracking) zur Diagnostik auffälliger Befunde und zur raschen Einleitung der Therapie entscheidend für den Erfolg eines solchen bevölkerungsbezogenen Gesundheitsprogramms.

Durch die Mitwirkung aller Beteiligten ist es in den letzten Jahren gelungen, ein qualitativ sehr hochwertiges Screeningprogramm auf der Grundlage des Hessischen Kinderschutzgesetzes zu etablieren. Das Screening-Zentrum Hessen untersucht mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten die Proben auf die bundesweit größte Anzahl dieser Erkrankungen (31 im Vergleich zu bundesweit 14 Krankheiten). Der Anteil der frühzeitig, d. h. zwischen der 37. und 48. Lebensstunde, entnommenen Proben an den gesamten Einsendungen liegt bundesweit mit 74 % weit an der Spitze, da bundesweit dieser Anteil bei durchschnittlich 38 % liegt. Gemäß einer Analyse der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin verfügt Hessen gemeinsam mit Bayern unter den alten Bundesländern über das beste Tracking-System zur Nachverfolgung betroffener Kinder. Die Leistungsbilanz des HKVZ für den Bereich Neugeborenen-Stoffwechselscreening ist in Tab. 1 zusammengefasst.

Neugeborenen-Hörscreening (NHS)

Die Aufgaben des Bereichs Neugeborenen-Hörscreening ergeben sich aus den Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres („Kinder-Richtlinien“); Anlage 6 – Früherkennungsuntersuchung von Hörstörungen bei Neugeborenen (Neugeborenen-Hörscreening).

Bei Geburt im Krankenhaus erfolgt nach Einwilligung der Personenberechtigten vor Entlassung, in der Regel bis zum dritten Lebenstag des Kindes, das Neugeborenen-Hörscreening. Bei auffälligem Testergebnis der Erstuntersuchung veranlasst das Krankenhaus eine Kontrolluntersuchung. Wird nach einer zweimaligen Hörtestung in der Geburts-/Kinderklinik eine Kontrollbedürftigkeit des Hörscreening-Ergebnisses festgestellt, werden die Personenberechtigten sowohl vom Personal in der entsprechenden Klinik über das Ergebnis aufgeklärt und an die entsprechenden Nachsorgestellen verwiesen als auch kurzfristig von der Hörscreening-Zentrale angeschrieben mit der Empfehlung, schnellstmöglich eine Konfirmationsdiagnostik durchführen zu lassen. Für die Konfirmations­diagnostik werden den Eltern durch die Hörscreening-­Zentrale geeignete Einrichtungen empfohlen.

Bei Vorliegen einer entsprechenden Einverständniserklärung erfolgt eine erneute Kontaktaufnahme durch das NHS mit den Personenberechtigten testauffälliger Kinder, wenn eine Nachuntersuchung bzw. eine abschließende Diagnostik drei Monate nach der Geburt nicht statt­gefunden hat. Bei Vorliegen einer entsprechenden Einverständniserklärung erfolgt durch das NHS eine ­Registrierung der Ergebnisse der abschließenden Diagnostik und der eingeleiteten Maßnahmen.

Die Hauptaufgabe des NHS besteht also darin sicher­zustellen, dass jedes Neugeborene ein Hörscreening erhält und darüber hinaus sicherzustellen, dass alle Kinder mit einem kontrollbedürftigen Hörscreening-Resultat einer weiteren Diagnostik zugeführt werden, bis die Hörfähigkeit sichergestellt ist oder eine entsprechende Therapie eingeleitet wurde. Jährlich werden zwischen 45.000 und 50.000 Hörscreenings in den hessischen Geburtskliniken durchgeführt und die Ergebnisse an die Hörscreening-Zentrale am HKVZ übermittelt. Circa 3 % der Kinder weisen kontrollbedürftige Befunde auf, die mit Unterstützung des NHS einer zeitnahen Überprüfung und Abklärung zugeführt werden. Auf diese Weise werden letztendlich jährlich über 100 Kinder mit therapierelevanten angeborenen Hörstörungen detektiert und einer frühzeitigen Behandlung zugeführt.

Fußnote
  1. Mit dem Entwurf des Hessischen Gesetzes über den öffentlichen Gesundheitsdienst war im Oktober 2006 zunächst der Gedanke verfolgt worden, für Kinder im Kindergartenalter (Dreijährige) flächendeckend und ergänzend zur Schuleingangsuntersuchung eine verpflichtende Untersuchung durch die Gesundheitsämter einzuführen. Neben fachlichen Gründen sprach insbesondere dagegen, dass Hessen damit als einziges Bundesland eine Sonderregelung getroffen hätte. Aufgrund der Initiative der Hessischen Sozialministerin wurde auch in anderen Bundesländern die Diskussion zur Einführung einer Verpflichtung zur Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder von der Geburt bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres geführt. Angestrebt war zunächst, eine bundeseinheitliche Regelung zu finden. Da ein Konsens auf Bundesebene nicht erreicht werden konnte, wurde das Ziel landesgesetzlich weiterverfolgt.
  2. Artikel „Vorsorgeuntersuchungen für Kinder unverzichtbar“ in Frank­furter Neue Presse, 3.5.2015 auf der Grundlage von Daten des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration.
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