Depressionen und Psychosen

Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten Formen psychischer Störungen. Die Depression ist ein Oberbegriff für Störungen der Gemütslage, die mit Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Interessenverlust sowie Energie- und Antriebslosigkeit einhergehen. Sie können als eigenständige Störung auftreten oder als Folge von anderen schweren Grunderkrankungen oder Belastungen. Von einer Behandlungsbedürftigkeit wird ausgegangen, wenn diese Symptome mindestens zwei Wochen am Stück vorliegen.

Von Depressionen sind Menschen beiderlei Geschlechts, aller Altersstufen und aus allen sozialen Schichten betroffen, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind (Abb. 80). Vom vorübergehenden Stimmungstief unterscheidet sich die Depression dadurch, dass sie über Wochen und Monate anhalten kann. Ihre Symptome sind Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen sowie Entscheidungs­unfähigkeit, Müdigkeit, Energiemangel, Denkblockaden, Gefühle von Traurigkeit, Auftreten von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen sowie Selbstmordgedanken.

Von 2000 bis 2013 nahmen die Fehlzeiten in Unternehmen aufgrund von Depressionen um fast 70 % zu.1 Bis zum Jahr 2020 werden nach Schätzungen der World Health Organisation WHO Depressionen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen den zweiten Platz in der Liste der häufigsten Krankheiten einnehmen.2

In Hessen entfiel laut Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse im Jahr 2013 im Durchschnitt einer der 14,5 Fehltage auf Depressionen, wobei der Lahn-­Dill-Kreis, der Vogelsbergkreis und der Landkreis Gießen etwas überdurchschnittlich betroffen waren. Frauen sind mit rund 2 % auch in Hessen häufiger betroffen als Männer mit gut 1 %. Menschen, die wegen Depression krankgeschrieben werden, waren dann durchschnittlich 64 Tage arbeits­unfähig.

Folge einer Depression kann der Selbstmord sein. Schätzungsweise 15 % der Patientinnen und Patienten mit schweren depressiven Störungen versterben durch Suizid. Insgesamt gehen 40 % bis 70 % aller Selbstmorde auf eine Depression zurück.3 Die oft unterschätzte Schwere der Erkrankung sowie eine häufig vorrangige Behandlung depressionsbegleitender körperlicher Symptome tragen dazu bei, dass ein Teil der erkrankten Menschen keine angemessene Behandlung erhält.4 

Depressionen können zuverlässig erkannt werden. Antidepressive Therapien und kurzzeitige, strukturierte Formen der Psychotherapie sind bei 60 % bis 80 % der Erkrankten wirksam und können im Rahmen der medizinischen Grundversorgung vorgehalten werden. Dennoch erhalten weniger als 25 % (in manchen Bundesländern sogar weniger als 10 %) der Erkrankten eine solche Behandlung. Hindernisse auf dem Wege zu einer effektiven Versorgung sind der Mangel an Ressourcen, an gut ausgebildeten Therapeuten und die gesellschaftlichen Vorurteile, die psychiatrischen Krankheiten einschließlich der Depression anhängen. Es hat sich erwiesen, dass qualitätsgesicherte Programme5 der medizinischen Grundversorgung zur Behandlung der Depression sowohl den allgemeinen Gesundheitszustand als auch die Lebensumstände der Betroffenen nachhaltig verbessern. Um den schnellen Zugang zur Behandlung zu fördern, wurden mit dem Versorgungsstärkungsgesetz u. a. Therapieservicestellen auch für Psychotherapiesprechstunden vorgesehen, die eine schnellere erste Beurteilung zulassen.

Bewegungsparcours für depressive Menschen – Modellprojekt in der Klinik Hohe Mark in Oberursel

Körperliche Aktivität, Sport und Bewegung werden zunehmend als Möglichkeiten der Prävention und Behandlung von Depressionen angesehen. Prof. Volker Beck von der Hochschule Darmstadt sagt:

„Wissenschaftliche Erkenntnisse weisen darauf hin, dass als Folge von sportlicher Aktivität eine Verminderung von Ängsten und Depression, eine erhöhte Stresstoleranz, eine Verbesserung der Grundstimmung und eine grundsätzlich höhere Zufriedenheit erreicht werden kann.“

Vor diesem Hintergrund wird seit Oktober 2014 im Rahmen einer Studie die Nutzung eines Bewegungsparcours mit zwölf Stationen in die Therapie klinisch depressiver Menschen der Klinik Hohe Mark in Oberursel integriert. Hinter dem vom Hessischen Sozialministerium initiierten Projekt steckt das Ziel, einen wissenschaftlichen Nachweis über die Wirksamkeit und die konkreten Effekte von körperlicher Aktivität, Sport und Bewegung bei Therapie und Prävention von Depressionen zu erbringen. Der Parcours ist mit „niederschwelligen“ Geräten ausgestattet. Das bedeutet, dass sie einladen sollen und leicht zu handhaben sind. Bewegung verfolgt hier das Ziel, dass Körper, Geist und Seele wieder eins werden, heilen und genesen.

Weiterhin wird den Patienten Eigenkompetenz zur individuellen Nutzung von Bewegungsparcours – besonders auch für die Zeit nach der Entlassung aus der Klinik – vermittelt. Die Gewährleistung der Nachhaltigkeit im kommunalen Umfeld hat einen herausgehobenen Stellenwert und wird in der Studie mit untersucht. Dr. Lutz Vogt von der Abteilung Sportmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main:

„Das Projekt endet nicht nach dem stationären Aufenthalt, sondern wird an den kommunalen Parcours am Wohnort weiter fortgesetzt. Diese Maßnahme findet in Kooperation mit dem Landessportbund Hessen statt und sichert die Fortführung eines körperlich aktiven Lebensstils.“

Hierfür stehen hessenweit rund 150 Bewegungsparcours zur Verfügung. Ein Flyer, der auf der Internetseite der Klinik Hohe Mark (www.hohemark.de) abgebildet ist, gibt entsprechende Informationen.

Mit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse der Studie, die von einer Forschungsgruppe der Klinik Hohe Mark, des Landessportbundes Hessen, der Abteilung Sportmedizin der Goethe-Universität Frankfurt und der Hochschule Darmstadt zusammengetragen werden, ist zeitnah zu rechnen.

Fußnote
  1. Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse 2015 (http://www.tk.de/tk/themen/depressionsatlas-2015/69575 Zugriff 1.10.2015).
  2. Wittchen, H.U., Jacobi, F. Epidemiologie der Depression in „Volkskrankheit Depression?: Bestandsaufnahme und Perspektiven“ Stoppe, G., Bramesfeld, A., Schwartz, F.-W. (Hrsg.): Berlin 2006.
  3. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2006) Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. RKI, Berlin und Kocavelent RD, Hegerl U (2010) Depression und Suizidalität. Public Health Forum 18: 13–14.
  4. Robert Koch-Institut, Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2009“
  5. WHO Weltgesundheitstag 2001, Fachbeitrag Depression (https://weltgesundheitstag.de/cms/index.asp?inst=wgt-who&snr=10597&t=Depression). Abruf 14. Februar 2011.
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