Klima, Krankheit und die Erfassung der Zusammenhänge

Seit dem außergewöhnlich heißen Sommer 2003 ist Hitze als potenzielle gesundheitliche Gefährdung in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Alleine in Hessen sind nach Schätzungen des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen (HLPUG) bis zu 1.000 zusätzliche Todesfälle auf die mehr als zwei Wochen andauernde Hitzeperiode im August 2003 zurückzuführen.1Deutschlandweit waren in diesem zweiwöchigen Zeitraum mehr als 7.000, in zwölf europäischen Ländern insgesamt knapp 45.000 zusätzliche Todesfälle zu verzeichnen.2

Die Projektionen regionaler Klimamodelle lassen zukünftig auch für Hessen eine deutliche Zunahme von Hitzeereignissen erwarten: Die gesundheitlich besonders belastenden heißen Tage mit Temperaturen über 30 °C werden voraussichtlich bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um das etwa Vierfache auf über 20 Tage pro Jahr zunehmen. Damit wäre der Sommer 2003 in Zukunft normal oder sogar eher mild.3

In den Jahren nach 2003 wurden in einigen europäischen Ländern Hitzeaktionspläne entwickelt und implementiert. Aufbauend auf diesen ersten Erfahrungen hat das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2008 einen Leitfaden für Gesundheitsaktions­pläne für Hitzeperioden erstellt.4 Ziel der Aktionspläne ist es, die bei Hitze besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, chronisch Kranke (bspw. mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Säuglinge und Kleinkinder sowie Personen, die im Freien arbeiten, durch präventive Maßnahmen bestmöglich vor einer Gesundheitsgefährdung zu schützen.

In Deutschland war Hessen das erste Bundesland, das im Jahr 2004 als Reaktion auf den Sommer 2003 in Kooperation mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) ein Hitzewarnsystem aufbaute und durch die Hessische Betreuungs- und Pflegeaufsicht einen verbindlichen Maßnahmenplan für stationäre Pflegeeinrichtungen einführte. Neben dieser vorbildlichen Umsetzung wären weitere Maßnahmen zur Erreichung vieler vulnerabler Bevölkerungsgruppen denkbar, wie zum Beispiel eine Einbindung der hausärzt­lichen Versorgung sowie ambulanter Pflegedienste, um auf diese Weise eine zeitnahe Information und die angemessene Versorgung bei Hitzewellen zu ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund beauftragte das Fachzentrum Klimawandel Hessen im Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie die Hochschule Fulda in einem Studienprojekt mit der Erarbeitung von Empfehlungen für einen Hessischen Aktionsplan zur Vermeidung hitzebedingter Gesundheitsbeeinträchtigungen in der Bevölkerung.

Im Projekt wurde zunächst das hessische Hitzewarnsystem evaluiert. Im Zuständigkeitsbereich der Hessischen Betreuungs- und Pflegeaufsicht sind mit Eingang der Hitzewarnungen des DWD verbindlich auszuführende Maßnahmen festgelegt. In den sonstigen Institutionen besteht bezüglich des Umgangs mit den eingehenden Hitzewarnungen ein Ermessensspielraum, sodass die Weiter­gabe der Warnungen sowie das Ergreifen von Maßnahmen auch vom Ausmaß der Mitwirkung der einzelnen Akteure abhängig sind.

Eine Analyse von Hitzeaktionsplänen anderer europäischer Länder – hier beispielhaft Belgien, England, Frankreich, Italien, Malta, Niederlande, Spanien, die alle überwiegend den Empfehlungen der WHO Europa entsprechen – ergab, dass der Festlegung von Verantwortlichkeiten und der Organisation des Kommunikationsflusses von und bei Hitzewarnungen eine hohe Bedeutung zukommt. Handlungsanleitungen zur Prävention von hitzebedingten Erkrankungen und zum Gesundheitsschutz werden auf unterschiedlichen administrativen Ebenen umgesetzt. Beispiele guter Praxis umfassen außerdem verbindliche Rückmeldeketten und Monitoring-Systeme des Sterbe- und teils des Krankheitsgeschehens.

Als Gesamtfazit des Projekts lässt sich festhalten, dass das hessische Hitzewarnsystem bereits so angelegt ist, dass eine Erweiterung zu einem Hitzeaktionsplan zum Beispiel entsprechend den Empfehlungen der WHO Europa denkbar scheint, um auch zahlreiche vulnerable Bevölkerungsgruppen einbeziehen zu können. Als bedeutsam erwiesen sich Aspekte wie eine flächendeckende Information der unterschiedlich betroffenen Bevölkerungsgruppen wie auch von entsprechenden Akteuren der Gesundheitsversorgung. Weitere Empfehlungen wurden für ein Mortalitäts- und Morbiditätsmonitoring ausgesprochen.

In Hessen ist bereits ein beschleunigtes Verfahren zur Übermittlung von Sterbedaten an das HLPUG realisiert; retrospektive Auswertungen des Sterbe- und Krankheitsgeschehens auf einen Zusammenhang mit Hitzeereignissen sind prinzipiell möglich (siehe auch das ZETH-Projekt5).

Infolge der Erkenntnisse aus den abgeschlossenen Projekten hat im Herbst 2014 das Fachzentrum Klimawandel ein neues Projekt zur Etablierung eines Surveillance-Systems für hitzebedingte Mortalität in Hessen in Auftrag gegeben, das gemeinsam von der Hochschule Fulda und dem HLPUG durchgeführt wird.

Fußnote
  1. Uphoff, H., Hauri, A. M., 2005: Auswirkungen einer prognostizierten Klimaänderung auf Belange des Gesundheitsschutzes in Hessen.
  2. Robine, J. M., Cheung, S. L., Le Roy, S. et al., 2007: Report on excess mortality in Europe during summer 2003. EU Community Action Programme for Public Health, Grant Agreement 2005114. 2003 Heat wave project. Verfügbar unter http://ec.europa.eu/health/ph_projects/2005/action1/docs/action1_2005_a2_15_en.pdf 
  3. siehe http://atlas.umwelt.hessen.de/atlas/klima/inhalt-klima.htm  Klima - Zukunft - Temperatur.
  4. Matthies, F.; Bickler, G.; Cardeñosa Marín, N.; Hales, S. (ed.), 2008: Heat-Health Action Plans. Guidance. WHO Regional Office Europe. http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/95919/E91347.pdf?ua=1 
  5. Vorgestellt im Hessischen Gesundheitsbericht 2011, Kap. 6.5.3 „Klima, Krankheit und die Erfassung der Zusammenhänge: Gesundheit und Hitze“
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