Handlungsempfehlungen

Subjektive Gesundheit wird durch verschiedene Faktoren beschrieben und determiniert. Folgende Determinanten sind dabei von besonders hohem Erklärungswert für die subjektive Gesundheit:

  • subjektives Wohlbefinden,
  • emotionales Wohlbefinden,
  • psychische Vitalität,
  • psychosoziale Integration und Vernetztheit,
  • Selbstwirksamkeit,
  • Kohärenzgefühl (ist an die individuelle wie gesellschaftliche Fähigkeit gekoppelt, im Tun einen Sinn zu sehen, wirksam handeln zu können),
  • persönlich-subjektive Gesundheitsorientierung.

Die Lebensweise und die Lebensgewohnheiten vieler Menschen belasten derzeit allerdings die subjektive Gesundheit mehr, als dass sie sie fördern. Dabei sind es vor allem jene Vorstellungen der modernen Individualisierung, der Eigenverantwortlichkeit, der maximalen Verwertbarkeit unserer körperlichen und seelisch-geistigen Potenziale, die dieses Unbehagen permanent steigen lassen. Hinzu kommt in jüngster Zeit eine Welle von sogenanntem „digitalem Stress“, der die kognitiv-mentale Verfassung des modernen Menschen chronisch strapaziert und der mit einem offenbar erheblichen pathogenen Potenzial als zunehmende Belastung für die subjektive und nachfolgend objektive Gesundheit verbunden ist. Viele Menschen fühlen sich durch die Geschwindigkeit, die Dichte und das ­Volumen von Information belastet und überfordert. Gleichzeitig entwickeln sich neue Formen von ­Bindung und Abhängigkeit von modernen Kommunikationsstrukturen, sozialen Medien und digitalen ­Systemen. Die Konsequenzen dieser Entwicklungen auf die „subjektive Gesundheit“ sind massiv und tief­greifend.

Deswegen muss darüber nachgedacht werden, ob und wie der öffentliche (beispielsweise Schulen und Bildungseinrichtungen) wie auch der privat-persönliche Raum und Alltag temporär und lokal begrenzt von einem potenziell schädigen den „digitalen Stress“ freigehalten werden kann.

Eine fortschreitende Individualisierung führt dazu, dass zentrale Determinanten der subjektiven Gesundheit (wie die Kohärenzkraft, soziale Integration etc.) systematisch geschwächt werden.

Darum ist es von zentraler Bedeutung, dass in der Gesundheitsversorgung Strategien und Präventionsprogramme gefördert werden, die neben der objektiven Gesundheit auch die Determinanten der subjektiven Gesundheit im Blick haben. Dabei sollte der Schnittstelle zwischen subjektiver Gesundheit und einem übergreifenden Programm zur Förderung von „Public-Mental-Health“ eine herausgehobene Bedeutung beigemessen werden. Mit Public Mental Health werden alle auf psychische Erkrankungen bezogenen Public Health Aktivitäten bezeichnet.

Die Vorstellungen und Ideen von Public Mental Health eignen sich auf vielfältige Weise dafür, die Prävention von psychischen Erkrankungen und die psychosoziale Gesundheitsförderung zu verbessern. Mehr Versorgung im Gesundheitssystem führt allerdings nicht automatisch zu einer besseren Gesundheit. Der erste Schritt liegt darin, diese neue Richtung weiter zu diskutieren, aufzugreifen und mit konkreten Vorstellungen an die Praxis heranzuführen und entsprechend zu handeln.

Konkrete Maßnahmen und Handlungsoptionen zeichnen sich durch eine unmittelbare Nähe zu den betroffenen Menschen aus. Diese Nähe und Unmittelbarkeit ist ein elementares Prinzip für künftige Maßnahmen und Initiativen. Ideal ist eine kommunale, gemeindenahe Fundierung von Public Mental Health und eine Etablierung dieser Konzepte und Angebote in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Dabei müssen vor allem Defizite in den Versorgungsstrukturen im „ländlichen Raum“ in den Blick genommen und ausgeglichen werden. Public Mental Health richtet sich aus an einer neuen Form gelebter Gemeinschaftlichkeit.

Auch in der Arbeitswelt mehren sich die Stimmen, die nach Auswegen aus der Krise zunehmender psychosozialer Belastungen suchen. „Die Sozialpartner und die Politik haben sich mit der gemeinsamen Erklärung zur psychischen Gesundheit bereits darauf verständigt, die seelischen Belastungen bei der Arbeit genauso verringern zu wollen, wie die körperlichen Belastungen.“1 Hier geht es vor allem um eine Ent-Intensivierung von Arbeit, das Verhältnis von Arbeit und Privatleben und um Fragen der ­Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitslosigkeit.

Sowohl im Privatsektor wie auch in der Arbeitswelt ist eine multisektorale Zusammenarbeit und Vernetzung der Akteure gefordert. Durch die Unmittelbarkeit und Gemeinschaftlichkeit wird auch ein hohes Maß an Partizipation hergestellt. Das gemeinsame Ziel ist die Identifikation und Realisation der Ressourcen Glück, Lebenszufriedenheit, Lebensqualität und Lebenskompetenzen. Auf diesem Weg wird eine wirksame Prävention von psychischen Erkrankungen ermöglicht und die psychosoziale Gesundheitsförderung gestärkt.

Es sollte eine breite, massenmediale Kommunikation über Public Mental Health (vor allem über das Internet und die Sozialen Netzwerke) initiiert werden. An erster Stelle steht die Aufklärung und Motivation der Bevölkerung. Es hilft nichts, die Zunahme psychischer Erkrankungen mit all ihren Konsequenzen zu beklagen und zu bejammern. Es ist dringend notwendig, neue Impulse für die Prävention psychischer Erkrankungen und die psychosoziale Gesundheitsförderung zu setzen. Public Mental Health bietet uns die Grundlage und Chance dafür.

Das übergreifende Ziel sollte es sein, die Bedingungen, Möglichkeiten und Voraussetzungen systematisch zu fördern und zu stärken, die den Menschen in Hessen eine bessere Gesundheit und ein Mehr an gesundheitsbezogener Lebensqualität und Wohlbefinden ermöglichen.

Das „Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention“ im Kontext von subjektiver Gesundheit

Von großer Bedeutung für diese Handlungsempfehlungen und ausdrücklich auch für die individuellen Ansätze ist das kürzlich vom Deutschen Bundestag beschlossene Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (Präventionsgesetz – PrävG). „Künftig soll ein stärkeres Augenmerk auf individuelle Belastungen und auf Risikofaktoren für das Entstehen von Krankheiten gelegt werden“, heißt es darin ausdrücklich. Das Gesetz kann zu einem wichtigen Fundament dafür werden, die Vorstellungen von Public Mental Health als Rahmen für das Konzept von „subjektiver Gesundheit“ wirksam umzusetzen. Ein wesentliches Element hierfür ist das im Gesetz formulierte Ziel, „depressive Erkrankungen zu verhindern, früh zu erkennen und nachhaltig zu behandeln“.2

Fußnote
  1. Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Studie zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt. Pressemitteilung vom 19. März 2014. Online verfügbar unter: http://www.bmas.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2014/studie-psychische-gesundheit.html  Zuletzt geprüft am: 27.10.2015.
  2. Bundesrat (2014): Niederschrift, 821.AV,26.01.15 Drucksache 640/14. Online verfügbar unter: http://www.bundesrat.de/SharedDocs/drucksachen/2014/0601-0700/640-1-14.pdf?__blob=publicationFile &v=1. Zuletzt geprüft am: 13.10.2015.
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