Subjektive Gesundheit und psychische Erkrankungen

Die psychische Verfassung und das seelische Empfinden und Erleben sind zentrale Merkmale des Menschen. Psychische, körperliche und soziale Gesundheit sind grundsätzlich gleichwertig und wechselwirkend miteinander verbunden und voneinander abhängig. Das Konzept von subjektiver Gesundheit ist unmittelbar mit dem psychischen Befinden eines Menschen verbunden. Beide Dimensionen werden oft synonym betrachtet. Künftig sollte eine kritische und differenzierte Sicht auf das Wechselspiel zwischen psychischen Erkrankungen und subjektiver Gesundheit gerichtet werden. Psychische Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung und Bedingung von Lebensqualität. Neben dem körperlichen und sozialen Wohlbefinden ist das seelische Wohlbefinden ein essenzieller Teil von Gesundheit.

Psychische Gesundheit ist abhängig von Veranlagung, biografischen Erfahrungen, Verhaltensweisen, von sozialen und kulturellen Merkmalen der Gruppen und Gemeinschaften sowie von den gesellschaftlichen Verhältnissen und ökologischen, soziokulturellen und sozioökonomischen Bedingungen und Lebensstilfaktoren. Auch psychische Gefährdung, Beeinträchtigung und Krankheit sind das Produkt dieser komplexen Wechselwirkungen.

Psychische Gesundheit und psychosoziales Wohlbefinden ist in jedem Lebensalter ein zentrales Thema. Eine Gesellschaft, welche dieser Komplexität Rechnung trägt, sorgt für gesunde Lebensbedingungen und begegnet psychisch belasteten Menschen unvoreingenommen und respektvoll. Information, Austausch und Reflexion in der Bevölkerung wirken Schuldzuweisungen, Ausgrenzungen und Stigmatisierungen entgegen.

Psychische Erkrankungen nehmen in Deutschland rapide zu. Während psychische Erkrankungen vor zwei Jahrzehnten, noch relativ selten zu Krankschreibungen geführt hatten sind sie heute die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen bzw. Arbeitsunfähigkeit. „Die Zahl der Beschäftigten, die wegen psychischer Erkrankungen nicht arbeiten konnten, ist zwischen 2005 und 2012 um 97,1 % gestiegen.“1 Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit veranschaulicht den Trend der Zunahme an psychischen und Verhaltensstörungen(Abb. 56).1

Trend zur Zunahme von Krankschreibungen aufgrund der Psyche und Verhaltensstörungen
Trend zur Zunahme von Krankschreibungen aufgrund der Psyche und Verhaltensstörungen  Foto: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, 2013.

Die Bundespsychotherapeutenkammer verwies auf die enorm stark angestiegene Zahl von Krankschreibungen aufgrund eines Burnouts um 700 % seit dem Jahr 2004.2 Weiterhin bilanziert die Psychotherapeutenkammer die stark ansteigenden Zahlen von Menschen, die in der Psychiatrie stationär behandelt werden. Diese Zahl stieg vom Jahr 2004 bis zum Jahr 2012 um knapp 120.000 Patienten auf 830.000.3

Das Ausmaß psychosozialer Belastungen und psychischer Erkrankungen, die sich bereits im Kindes- und Jugendalter manifestieren, spiegelt sich auch in den Erhebungen der sogenannten KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts wider. Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) zeigen, „das 11,5 % der Mädchen und 17,8 % der Jungen im Alter bis 17 Jahre verhaltensauffällig bzw. grenzwertig auffällig sind“.4

Handlungsbedarf

Eine wirksame und systematisch betriebene psychosoziale Gesundheitsförderung und Prävention von seelischen Erkrankungen und Belastungen gibt es in Deutschland bisher nur in Ansätzen. Hier besteht ein deutlicher Handlungsbedarf.

Neben den Belastungen für die Betroffenen explodieren die direkten und indirekten Kosten für die Versorgung und Behandlung von psychisch kranken Menschen in unserer Gesellschaft. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes belaufen sich „die direkten Kosten psychischer Erkrankungen in Deutschland nach Krankheitsart in den Jahren 2002 bis 2012 (in Milliarden Euro) mittlerweile auf 33 Milliarden Euro und liegen damit um etwa 10 Milliarden Euro höher als im Jahre 2002“.5

Psychische Gesundheit ist eine wesentliche Dimension von Gesundheit. Mit dem Begriff Public Mental Health werden auf psychische Belastungen, Erkrankungen oder psychische Gesundheit gerichtete Public-Health-Aktivitäten bezeichnet. Public Mental Health gewinnt in der Medizin, Psychologie und in den Gesundheitswissenschaften stetig an Bedeutung und wird in der öffentlichen Diskussion international mehr und mehr wahrgenommen.6,7  

Diese Vorstellung ist verbunden mit dem von der Weltgesundheitsorganisation vertretenen Modell der Lebenskompetenzen. Die WHO zählt zu den Faktoren von Lebenskompetenz und als Basis für psychische Gesundheit vor allem: Empathie, Selbstwahrnehmung, Fähigkeit zur Stressbewältigung, Gefühlsbewältigung, Kommunikationsfertigkeit, Beziehungsfähigkeit, Kritisches Denken, Kreatives Denken, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, Problemlösefertigkeit.8

Höchste Priorität besitzt dabei die rechtzeitige und adäquate Diagnose. Es ist davon auszugehen, dass noch immer 35 % bis 50 % der Patientinnen und Patienten mit diesen Krankheiten unbehandelt bleiben. Von erheblichen „Defiziten bei der Diagnostik“ sowie von „Störungen in der Arzt-Patient-Kommunikation“ geht der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung aus. Die Autoren plädieren dafür, „die hausärztliche Versorgung psychischer Störungen zu einer Primärversorgung auszubauen“.

Fußnote
  1. psyGA (o. J.): BKK Gesundheitsreport 2013 – Psychische Krankheiten 2013 zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Online verfügbar unter: psyga.info/ueber-psyga/aktuelles/bkk-gesundheitsreport-2013/. Zuletzt geprüft am: 15.10.2015.
  2. www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Praxis/A88.pdf File&v=11
  3. Bundespsychotherapeutenkammer: BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout (2012), Berlin.
  4. Bundespsychotherapeutenkammer (2014): BPtK-Studie zur stationären Versorgung psychisch kranker Menschen. Ergebnisse einer Befragung der in Krankenhäusern angestellten Psychotherapeuten. Online verfügbar unter: www.bptk.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/BPtK-Studien/stationaere_Versorgung_psychisch_kranker_Menschen/20140626_BPtK-Studie_stationaeren_Versorgung_psychisch_kranker_Menschen.pdf. Zuletzt geprüft am: 21.1.2016.
  5. Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz (2007) 50: 784-793.
  6. Statista (o. J.): Direkte Kosten psychischer Erkrankungen in Deutschland nach Krankheitsart in den Jahren 2002 bis 2012 (in Milliarden Euro). Online verfügbar unter: de.statista.com/statistik/daten/studie/246590/umfrage/direkte-kosten-psychischer-erkrankungen-in-deutschland-nach-krankheitsart/. Zuletzt geprüft am: 15.10.2015.
  7. Public Health Schweiz und Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz. Schweizer Manifest für Public Mental Health, 2014.
  8. World Health Organization (WHO): „Life Skills“ – Praktische Lebenskunde – Rundschreiben. Zusammenfassung der englischen „Skills of Life Newsletters“. WHO (1994), No 1-3, Genf.
  9. Harfst, T., Marstedt, G.: Psychische Gesundheit in Deutschland: Erkrankungen bleiben oft unentdeckt. In: Gesundheitsmonitor 1/2009, Hrsg. Bertelsmann-Stiftung.
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