Tabuthemen

In dem Fokus auf dem Gebiet der Gesundheit im mittleren Lebensalter sind die immer noch bestehenden tabuisierten Krankheiten und Störungen zu nennen. Exemplarisch sind psychosoziale Aspekte verschiedener Tabudomänen, wie etwa Genitalchirurgie, Menopause, Erektionsstörung, sexuelle Verhaltensstörungen und Männer als Opfer von Gewalt, zu sehen. Tabuisierungsneigungen beherrschen auch immer wieder die Wahrnehmung und den Umgang mit psychischen Erkrankungen.1

Gewaltprävention im Gesundheitswesen

Spricht jemand über eine Gewalterfahrung, ist es immanent wichtig, gut zuzuhören, denn dies kann das erste und letzte Mal sein, dass die Gewalt zur Sprache kommt. Der erste Schritt dazu ist die Fähigkeit, die Gewaltbelastung wahrzunehmen, verbunden mit dem Wissen um lokale Unterstützungsmöglichkeiten, um zur Sicherheit der Betroffenen beitragen zu können.

Gewaltbelastung in jeder Ausprägung ist bis heute stark tabuisiert. Das erschwert es den Betroffenen, Misshandlungserfahrungen von sich aus anzusprechen. Patientinnen und Patienten mit Gewaltbelastung brauchen eine sensible medizinische Versorgung und psychosoziale Unterstützung, um Auswege aus ihrer Situation zu finden. In vielen Fällen ist eine Dokumentation der Verletzungen notwendig, die einer juristischen Beurteilung standhält. Dazu gehört, Befunde objektiv und ausführlich zu beschreiben sowie leserlich und für medizinische Laien verständlich zu formulieren.

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration hat in den vergangenen Jahren in Kooperation mit Fachleuten aus verschiedensten Fachrichtungen pragmatische Orientierungshilfen veröffentlicht und Modellvorhaben initiiert mit dem Ziel, größere Handlungssicherheit in der gesundheitlichen Versorgung und Begleitung von Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind, zu erreichen. Die hessischen Anamnese- und Dokumentationsanleitungen zu verschiedenen Gewaltrisiken wurden in multidisziplinären, multiprofessionellen Arbeitsgruppen erarbeitet und vor der Publikation pilotiert und validiert. Sie haben als Grundlagen u. a. für die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) gedient und sind in das Qualitätsmanual der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2012 aufgenommen worden. Sie sind über mehrere Websites online verfügbar, mitunter über www.befund-gewalt.de. Das ist ein Online-Learning-Portal, das die Hochschule Fulda gemeinsam mit dem Institut für Rechtsmedizin Hamburg-Eppendorf entwickelt hat, unterstützt mit europäischer Förderung sowie durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration.

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration hat mit der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zudem ein evidenzbasiertes vollständiges Kompendium für die Versorgung von Erwachsenen und Kindern nach Gewalteinwirkung herausgebracht. Der Band Ärztliches Praxishandbuch GEWALT, Berlin 2013, enthält Handlungsempfehlungen maßgeblicher medizinischer Institutionen und Organisationen zu allen wesentlichen Themen interpersoneller Gewalt und sämtliche Materialien, die für eine gerichtsfeste Dokumentation und für die Unterstützung der Betroffenen notwendig sind. Zusätzlich bietet er praxiserprobte Handreichungen für ein gelingendes ärztliches Gespräch auch unter den Bedingungen knapper Zeitressourcen. Mitgewirkt haben die Bundeszahnärztekammer, die Landeszahnärztekammer und die Landesärztekammer Hessen, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, das Hessische Koordinationsbüro für behinderte Frauen, die Hochschule Fulda, die drei Projektträger des bundesweiten Modellprojekts Modellprojekts „Medizinische Intervention gegen Gewalt an Frauen“ (MIGG), mehrere Institute für Rechtsmedizin und zahlreiche andere Institutionen (https://www.rothacker.de/arztliches-praxishandbuch-gewalt-70931r-000.html)

Die Wissensvermittlung ist entscheidend für den Aufbau von Kompetenz und Handlungssicherheit. Für die pädia­­­tr­ische Praxis wie auch verwandte Fachrichtungen aus ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland finden seit zwölf Jahren jährlich die regelmäßig ausgebuchten Kasseler Fortbildungstage Medizinische Diagnostik bei Kindesmisshandlung statt (www.kindesmisshandlung.de ).

Für die Deutung von unklaren Befunden ist eine rechtsmedizinische Beratung (Konsil) angeraten, vor allem bei multiplen Verletzungen unterschiedlichen Alters und besonders bei Gewaltanwendung gegen den Hals, um die Gefährlichkeit der Verletzungen einschätzen zu können. Seit 2014 bietet das Forensische Konsil Gießen einen kostenlosen Online-Dienst der Ambulanz des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH (www.forensisches-konsil-giessen.de). Das Webportal ist nach dem letzten Stand der Technik konzipiert, um die Preisgabe sensibler, höchstpersönlicher Daten zu vermeiden. Der Versand von ungeschützten E-Mails soll deshalb der Vergangenheit angehören. Online wie selbstverständlich auch telefonisch können Fragen an die Ärztinnen und Ärzte des Instituts für Rechtsmedizin gestellt werden. Behandelnde Ärztinnen und Ärzte werden bei der Befunderhebung und gerichtsfesten Dokumentation bei Verdacht auf Gewalteinwirkung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unterstützt. Ein persönlicher Untersuchungstermin kann vereinbart werden. Die Asservierung von Beweismaterial wird für zwei Jahre sichergestellt. Das Forensische Konsil Gießen bietet auch fachlichen Rat und Fortbildungsangebote für alle Berufsgruppen und ehrenamtlich Engagierte, die mit Gewalt konfrontiert werden. Dieses Angebot wird rege von den medizinischen Fachkreisen wie auch Jugendämtern und Netzwerken gegen Gewalt in Anspruch genommen.

Die Versorgung nach einer Vergewaltigung ist in Deutschland unzureichend. Immer wieder werden Frauen und Männer in Krankenhäusern und Arztpraxen mit dem Hinweis abgewiesen, dass eine Anzeige vor einer Versorgung und Befundsicherung unabdingbar sei. Dies ist mit der medizinischen Ethik unvereinbar und muss sich ändern. Mit der zunächst in Frankfurt am Main eingeführten Initiative „Medizinische Akutversorgung nach Vergewaltigung“ steht nun die medizinische Erstversorgung und psychosoziale Unterstützung im Mittelpunkt (www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de). Seit 2013 gelingt es in einem Konsortium von sieben Frauenkliniken zusammen mit der Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt am Main, eine standardisierte medizinische Akutversorgung für durch Vergewaltigung schwer belastete Menschen zu bieten. Das Institut für Gerichtsmedizin an der Goethe-Universität stellt auf Wunsch die Asservierung von Beweismitteln sicher. Eine großflächige Werbekampagne sorgt für den Bekanntheitsgrad des Angebots. Weitere Standorte haben sich 2014 und 2015 etabliert, so in Darmstadt, Hanau, Offenbach und bald auch im Wetteraukreis in Hessen sowie im Saarland, weitere Standorte sind im Gespräch.

Bereits seit 2010 bietet das erste Modellvorhaben im ­öffentlichen Gesundheitsdienst, die Schutzambulanz Fulda beim Gesundheitsamt des Landkreises Fulda, eine Begleitung bei der Akutversorgung und eine gerichtsfeste Dokumentation bzw. Assistenz bei der fachärztlichen Beweissicherung an. Auch hier werden Beweismittel unabhängig von einer Strafanzeige asserviert. Nicht zuletzt gewährleistet die Schutzambulanz Fulda ein intensives Fallmanagement ( www.schutzambulanz-fulda.de ).

Die interdisziplinäre Kooperation mit lokalen Hilfseinrichtungen ist wichtig, um zielgerichtet psychosoziale und ggf. juristische Unterstützung empfehlen zu können. Denn auf eine Vielfalt an Kompetenzen kommt es an. In Hessen haben sämtliche Landkreise und kreisfreien Städte seit vielen Jahren Netzwerke gegen häusliche Gewalt und sexualisierte Gewalt bzw. Kindesmisshandlung etabliert. Eine Liste der hessischen Frauenhäuser und Anlauf­stellen für Beratung einschließlich für Männer, die Probleme mit gewalttätigen Aggressionen haben, steht online im ­Familienatlas zur Verfügung (www.familienatlas.de/ca/b/tp). Eine bundesweite Ressource stellt das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen dar (www.hilfetelefon.de). Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist das erste bundesweit und rund um die Uhr zugängliche Beratungsangebot für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung können sich Betroffene wie auch Angehörige, Freunde sowie Fachkräfte anonym und kostenfrei beraten lassen. Qualifizierte Beraterinnen stehen den Anrufenden vertraulich zur Seite und vermitteln sie bei Bedarf an Unterstützungsangebote vor Ort: in mehreren Sprachen und barrierefrei. Das Hilfetelefon kann innerhalb einer Minute rund um die Uhr eine Dolmetscherin mittels einer Konferenzschaltung hinzuziehen, wenn der Bedarf an einer Erstberatung, etwa im ärztlichen Gespräch, entsteht. Die Schwelle zu einer weitergehenden Begleitung durch Fachkräfte in den Beratungsstellen vor Ort kann hierdurch gesenkt werden.

Barrierefreie Praxen sind ein weiteres wichtiges Ziel der Gewaltprävention im Gesundheitswesen. Das kostenfrei nutzbare Praxis-Tool Barrierefreiheit hilft der Ärzteschaft und Zahnärzteschaft seit 2015 dabei, ihre Praxen barrierefrei zu gestalten, um sie einer größeren Zielgruppe zugänglich zu machen. Auf Grundlage eines Online-Fragebogens liefert das interaktive Expertensystem individuell zugeschnittene Gestaltungsvorschläge. Zudem informiert es zu möglichen Fördermitteln. Das Praxis-Tool Barrierefreiheit ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, des Stiftung Gesundheit Fördergemeinschaft e.V. und der Stiftung Gesundheit. Das Projekt wurde im Rahmen des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gestartet: www.praxis-tool-barrierefreiheit.de .

Fußnote
  1. Kleiber, D., Grüsser, S., Knoll, N., Brähler, E. (2009): Tabuzonen der Frauen- und Männergesundheit. Psychosoziale Perspektiven. Psychosozial-Verlag.
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