Hessen
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Versorgung für spezifische Bevölkerungsgruppen

Gesundheit von Migrantinnen und Migranten

Gemäß den Daten des Statistischen Bundesamts lebten im Jahr 2013 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund umfasst alle seit 1950 Zugewanderten und ihre Nachkommen sowie die ausländische Bevölkerung ohne deutschen Pass.1 Von den 6,03 Millionen Einwohnern Hessens hatten im Jahr 2013 1,62 Millionen Personen einen Migrationshintergrund – das entspricht 26,9 % der Gesamtbevölkerung Hessens.2

Menschen mit Migrationshintergrund können einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge, im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshintergrund, erhöhte Gesundheitsrisiken aufweisen. Sie haben häufiger einen niedrigen sozioökonomischen Status, gehen öfter einer gesundheitsgefährdenden beruflichen Tätigkeit nach, sind mehr von Arbeitslosigkeit betroffen und haben eine vergleichsweise ungünstige Wohnsituation. Jeder einzelne dieser Faktoren kann die Gesundheit beeinträchtigen. Ganz besondere Gefährdung für eine Gesundheitsbeeinträchtigung geht jedoch vom Zusammentreffen mehrerer dieser Faktoren aus.3 Gleichzeitig ist die Nutzung präventiver Angebote bei Menschen mit Migrationshintergrund geringer als unter den Menschen ohne Migrationshintergrund. Beginnend mit der Vorsorgeuntersuchung bei Kindern bis hin zur Krebsvorsorge bei Erwachsenen und Älteren.4 Häufig erschweren Barrieren den Zugang zu Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention. Dazu gehören Informationsdefizite, kulturspezifische Besonderheiten beim Krankheits- und Gesundheitsverhalten, unterschiedliches Kommunikationsverhalten und nicht zuletzt Sprachschwierigkeiten.5

Mit Blick auf den zunehmenden Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie die demografische Entwicklung sind Investitionen in Gesundheitsförderung und Prävention sowie in eine bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund eine Investition in die gesellschaftliche Zukunft Hessens.6 Die interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens in seiner Breite sowie der gleichberechtigte Zugang zu Nahrung, Wohnraum, einer gesunden Umwelt, Bildung, Arbeit und gesundheitlichen Dienstleistungen sind dabei wichtige Ansatzpunkte.7

Der Hessische Gesundheitspakt 2.0 für die Jahre 2015 bis 2018, mit dem Fokus auf die Bewältigung der Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Gesundheitswesen und die Pflege, stellt wichtige Weichen zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund (siehe Abb. 22).Der Pakt sieht vor, Informationsdefizite durch die Herausgabe zielgruppenadäquater Broschüren und die Erstellung von elektronischen Informationsplattformen abzubauen. Darüber hinaus fördert die Hessische Landesregierung den Einsatz von Integrationslotsinnen und -lotsen durch das Landesprogramm WIR. Ferner befürworten die Paktpartner eine interkulturelle Öffnung von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, da diese zielführender sei als die Schaffung separater Strukturen. Wesentliche Bestandteile können hier die Bestellung von Integrationsbeauftragten und multiprofessionelle Arbeitskreise sein. Weiterhin könnten lokale Akteure, aufgrund der spezifischen Bedürfnisse vor Ort, z. B. im Rahmen von Gesundheitskonferenzen, die Koordinatorinnen und Koordinatoren des Landesprogramms WIR themenspezifisch einbeziehen, um regionale Initiativen zur interkulturellen Öffnung und zur Implementierung einer Willkommens- und Anerkennungskultur zu entwickeln. Da die Personalsituation im Gesundheits- und Pflegebereich zunehmend durch Zuwanderung ausländischer Fachkräfte geprägt ist, unterstreichen die Paktpartner die besondere Bedeutung der Etablierung einer Willkommenskultur für zuwandernde Fachkräfte aus dem Ausland z. B. durch die Unterstützung bei Behördengängen, die Förderung und Vermittlung von Sprachkursen, Wohnungen oder Kinderbetreuung.8

Der Hessische Gesundheitspakt 2.0 ist online verfügbar unter: https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/2015.03.23_gesundheitspakt_2.0_ratifiziert.pdf. 

Hessischer Gesundheitspakt 2.0 2015 bis 2018
Hessischer Gesundheitspakt 2.0 2015 bis 2018  Foto: Hessisches Ministerium für Soziales und Integration, 2015: 21 ff.

Best-Practice-Beispiel: „DAVET“

Eine vorbildliche Maßnahme zur Förderung der Nutzung von Präventionsleistungen durch Menschen mit Migrationshintergrund ist das 2014 mit dem Hessischen Gesundheitspreis ausgezeichnete Projekt „DAVET“.

„DAVET“ ist türkisch und heißt übersetzt Einladung oder Aufforderung. Das ist auch die Intention des gleichnamigen Projektes, das seine türkeistämmige Zielgruppe einladen oder auffordern will, an Vorsorgemaßnahmen teilzunehmen.

Das Modellprojekt DAVET der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung e.V. und der AOK hat sich zum Ziel gesetzt, die Beteiligung von AOK-Versicherten mit Migrationshintergrund an gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen zu fördern und dadurch die Gesundheit und die Gesundheitskompetenz der Zielgruppe zu verbessern. In enger Zusammenarbeit mit niedergelassenen Vertragsärzten wurden türkeistämmige AOK-Versicherte in Dietzenbach und Umgebung gezielt angesprochen und über Vorsorgemaßnahmen informiert. Die Ansprache erfolgt über einen Internetauftritt, Aktionsstände, z. B. in der ortsansässigen Moschee oder in türkischen Supermärkten, Seminare über Risikofaktoren – durchgeführt von türkischen Ärzten –, eine Telefon-Hotline sowie den Einsatz von Botschaftern zur Unterstützung. Die abschließende Evaluation der AOK Hessen sowie Daten der Stadt Dietzenbach zeigten, dass es dem Projekt in der zweijährigen Projektlaufzeit (07/2012 bis 06/2014) gelungen ist, 50 % (900 Personen) der Zielgruppe bei den teilnehmenden Arztpraxen für Vorsorgemaßnahmen zu mobilisieren.

Fußnote
  1. Statistisches Bundesamt (2014): Mikrozensus 2013: 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/11/PD14_402_122.html.  
  2. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (2015): Hessischer Gesundheitspakt 2.0 – Für die Jahre 2015-2018, S. 21-23. Online verfügbar unter: https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/2015.03.23_gesundheitspakt_2.0_ratifiziert.pdf.
  3. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2008): Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Migration und Gesundheit. Robert Koch-Institut. Berlin 2008, S. 129. Online verfügbar unter: http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsT/migration.pdf?__blob=publicationFile.
  4. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2008): Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Migration und Gesundheit. Robert Koch-Institut. Berlin 2008, S. 130. Online verfügbar unter: http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsT/migration.pdf?__blob=publicationFile.
  5. BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2011): Migration, Prävention, Gesundheitsförderung – Empfehlungen für Fachkräfte. Köln, S. 4.
  6. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (2015): Hessischer Gesundheitspakt 2.0 – Für die Jahre 2015-2018, S. 21-23; Online verfügbar unter: https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/2015.03.23_gesundheitspakt_2.0_ratifiziert.pdf. 
  7. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hrsg.) (2007): Gesundheit und Integration, 2. überarbeitete Auflage, S. 9-10.
  8. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (2015): Hessischer Gesundheitspakt 2.0 – Für die Jahre 2015-2018, S. 21-23. Online verfügbar unter: https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/2015.03.23_gesundheitspakt_2.0_ratifiziert.pdf. 
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